Interview mit Prof. Volker Quaschning

Foto: Silke Reents www.silkereents.de

Professor Volker Quaschning ist habilitierter Ingenieurwissenschaftler und Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. Mit der Redaktion unserer Kreisverbandszeitung "südostgrün" sprach er über die aktuellen Herausforderungen im Klimaschutz im
Bund und in Berlin. Die komplette Zeitung kann hier eingesehen werden kann.



südostgrün: Herr Quaschning, eigentlich wollte der Bund die klimaschädlichen Treibhausgase bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren. Dieses Ziel erscheint nicht mehr erreichbar. Woran liegt das?

Prof. Volker Quaschning: Der deutsche Bundestag hat einstimmig das Pariser Klimaschutzabkommen ratifiziert, wonach wir den globalen Temperaturanstieg möglichst auf 1,5 Grad Celsius begrenzen sollen. Wenn man bedenkt, dass zwischen der letzten Eiszeit und der Zeit vor 100 Jahren ein Temperaturanstieg von gerade einmal gut 3 Grad Celsius den Meeresspiegel um über 100 Meter hat ansteigen lassen, ist dies auch dringend nötig. Ansonst werden die Klimafolgen katastrophal sein. Nur reicht eine Reduktion um 40 Prozent bis 2020 dafür nicht aus. Wir müssten bis spätestens 2040 die Kohlendioxidemissionen auf Null reduzieren. Um das zu erreichen, brauchen wir einen Kohleausstieg bis 2030, das Ende der Produktion von Benzin- und Dieselfahrzeugen bis 2025 und von Öl- und Gasheizungen bis 2020. Davon werden enorm viele Wirtschaftsbereiche betroffen sein, die eine starke Lobby haben und das geschickt verhindern. Unsere Politik ist viel zu stark von den Lobbyisten beeinflusst und ist viel zu schwach, um die nötigen Schritte einzuleiten. Lieber werden da die Lebensgrundlagen unserer Kinder geopfert.

südostgrün: Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

Prof. Volker Quaschning: Derzeit basieren noch rund 80 Prozent unserer Energieversorgung auf fossilen Energieträgern. Die gilt es in den nächsten 20 Jahren vollständig zu ersetzen. Dazu muss das Tempo der Energiewende mindestens verfünffacht werden. Wir brauchen einen erheblich schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien, die Erschließung von Speicherkapazitäten und die bereits genannten restriktiven Ausstiegsdaten aus der Nutzung klimazerstörender Technologien.

südostgrün: Was kann eine Stadt wie Berlin zum Klimaschutz beitragen?

Prof. Volker Quaschning: Viele der nötigen Schritte müssen auf der Ebene der Bundespolitik eingeleitet werden. Aber natürlich kann auch eine Stadt Zeichen setzen. Eine intelligente Verkehrspolitik kann die Emissionen deutlich reduzieren. Dabei darf man aber auch vor unbequemen Maßnahmen wie einer Citymaut, deutlich steigenden Parkplatzgebühren und temporären Fahrverboten nicht zurückschrecken. Auch im Baurecht lassen sich höhere Standards definieren und die öffentliche Hand muss als positives Beispiel vorangehen. Die gesamte öffentliche Fahrzeugflotte sollte bis 2030 elektrisch und die Dächer aller öffentlichen Gebäude bis dahin mit Solaranlagen erschlossen sein. Ohne Mut können wir uns vom Klimaschutz verabschieden.

südostgrün: Bringt der Klimaschutz nur hohe Kosten, oder bietet er auch Einsparmöglichkeiten?

Prof. Volker Quaschning: In Deutschland sterben jedes Jahr 6000 Menschen durch die Luftverschmutzung aus dem Straßenverkehr und 3000 durch Kohlekraftwerke. Die Klimafolgeschäden unserer Energieversorgung werden in den nächsten Jahrzehnten hunderte Milliarden Euro verschlingen. Nur zahlen wir diese Kosten heute nicht über die Strom-, Öl- oder Gasrechnung. Wenn wir alle Folgekosten der Energieversorgung betrachten, wäre es schon heute erheblich preiswerter, vollständig auf erneuerbare Energien umzusteigen.

südostgrün: Immer öfter werden Mieter unter dem Deckmantel des Klimaschutzes durch energetische Sanierungen aus ihren Mietwohnungen verdrängt. Wie können wir verhindern, dass Klimaschutz und soziale Belange gegeneinander ausgespielt werden?

Prof. Volker Quaschning: Prinzipiell darf man die Situation am Wohnungsmarkt nicht gegen den Klimaschutz ausspielen. An den Stellen, wo der Klimaschutz wirklich zu sozialen Härten führt, muss die Regierung das ausgleichen. Deutschland ist ein reiches Land und kann das leisten. Vermieter sollten sich zudem auch ihrer sozialen Verantwortung bewusst sein. Ein Blick ins Grundgesetz könnte da helfen, in dem auch gefordert wird, Eigentum zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen.

südostgrün: Was kann jeder Einzelne zum Klimaschutz beitragen?

Prof. Volker Quaschning: Wir müssen alle in den nächsten 20 Jahren klimaneutral werden. Im Internet gibt es CO2-Rechner, z.B. vom Umweltbundesamt, die die eigenen Emissionen veranschaulichen. Zur Reduktion gibt es viele Maßnahmen, die alle umsetzen können: Bewussterer Konsum mit regionalen und langlebigen Produkten, Verzicht auf Flugreisen, Reduktion des Fleischkonsums, Abschied vom Benzin- und Dieselauto, Wechsel zu einem grünen Stromanbieter oder Bau oder Beteiligung an Solar- und Windkraftanlagen.

Termine
20.08.2018 (19:00 - 21:00) Sitzung der BVV-Fraktion
Ort: Fraktionsbüro (Raum 7), Rathaus Treptow
26.08.2018 (11:00 - 13:00) Sonntagsspaziergang in der Wuhlheide und entlang der Wuhle
Ort: Startpunkt: Haltestelle Alte Försterei, 12555 Berlin
27.08.2018 (19:00 - 21:00) Sitzung der BVV-Fraktion
Ort: Fraktionsbüro (Raum 7), Rathaus Treptow
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